Sie sind hier:  Aktuelles und Presse  |  Amtsblatt

Amtsblatt des Saale-Holzland-Kreises · 9. Jahrgang · Ausgabe 8/2012 · 1. August 2012 

Nichtamtlicher Teil

Unternehmer in Verantwortung

Stets alles gut bedacht – Kirschs in Königshofen

Im Jahre 1867 reparierte der junge, gerade aus Pölzig zugezogene Königshofener Dachdeckermeister Leopold Friedrich Kirsch das Dach der Gösener Kirche. Zur Zufriedenheit der Kirchgemeinde, denn sie übertrug ihm 1886 und 1892 erneut notwendige Arbeiten am Kirchendach. Damals packte er sein Werkzeug in den Rucksack und wanderte zu Fuß zur Baustelle, für kargen Lohn, nebst „Kost und Logis“. Ein paar Jahre später übernahm sein Sohn Huldreich, fünftes Kind von insgesamt sieben Geschwistern, die Folgearbeiten. Er hatte vom zehnten Lebensjahr an beim Vater das Handwerk von der Pike auf erlernt und „nebenbei“ die Schule besucht. Als 1905 sein Vater in Rauschwitz vom Dach stürzte und nur noch als Gemeindediener arbeiten konnte, übernahm er den Betrieb. Er modernisierte die Logistik, indem er sich „so ein neumodsches Fahrrad“ zulegte und zugleich einen Radfahrverein gründete. Mit der beginnenden Motorisie- rung schaffte er ein Motorrad, dann als erstes Auto einen „Adler“ an.

Als er auf dem Gösener Rittergut zehn Meter tief abstürzte, hatte er Glück, aber mit 28 Jahren über Nacht schlohweißes Haar. Mit 80 verunglückte er so, dass er seinen Beruf aufgeben musste. Fritz, einer von diesmal (nur) sechs Geschwistern, gerade aus französischer Gefangenschaft geflohen, übernahm 1948 das Geschäft. Auch der junge Fritz fuhr übrigens begeistert Rad, bei Wind und Wetter, vornehmlich zu seiner Liebsten Frieda nach Kleinhelmsdorf. Mit ihr hatte er dann zwei Kinder, Anneliese und Hans.

Auch Hans lernte bei seinem Vater und übernahm 1967 nach seiner Meisterprüfung den nun bereits hundertjährigen Handwerksbetrieb. Handwerksbetriebe litten im realsozialistischen Wirtschaftssystem unter Reglementierung und Materialmangel. Viele schlüpften unter das Dach einer PGH.

Kirschs gelang es, mit drei Mitarbeitern, ihre Selbständigkeit zu bewahren. Vor allem durch einen über die Zeiten gewachsenen Kundenstamm, der die Qualität ihrer Arbeit und ihre Zuverlässigkeit schätzte, für die wie eh und je der Handschlag des Meisters bürgte. Zu den treuen Kunden zählte auch die Gösener Kirchgemeinde, deren Kirchendach sowohl Fritz (1953) als auch Hans (1988) instand setzten.

Daran änderte die Wende nichts. Nach dem Motto: „Die Kirschs haben schon immer bei uns gearbeitet“, reparierte Hans Kirsch 1991 wieder das Gösener Kirchendach, deckte viele weitere Kirchen in der Region und unzählige Dächer neu ein, sanierte Schornsteine, installierte Blitzschutze. Enorm änderte sich dagegen die Qualität der Ziegel und die Technik des Handwerksbetriebes.

Moderne Aufzüge, Gerüste, Transporter und diverse hilfreiche Kleingeräte erleichterten und beschleunigten jetzt die Arbeitsprozesse. Nachholbedarf bei der Erhaltung der Bausubstanz und Fördermittel, auch Wetterkapriolen sorgten für Aufschwung. 1995 errichteten Kirschs ihr neues Betriebsgebäude an der Eisenberger Straße.

2001 übernahm Andreas Kirsch, Elektromonteur und Dachdeckermeister, Kilimandscharo und Aconcagua-Besteiger, das Geschäft und Hans kann nun öfter Rad fahren. An der Gösener Kirche steht schon wieder Kirschs Gerüst und neben Tochter Maria nährt Gymnasiast Marcus die Hoffnung auf die sechste Dachdeckergeneration.

Das 150-jährige Jubiläum eines Familienunternehmens steht kurz bevor, das Menschen solide „bedacht“, beständig für mindestens sechs Familien Tariflohn und Brot bedeutet (Manfred Rietze aus Lindau arbeitet schon seit 40 Jahren bei Kirsch) und deren Inhaber zu allen Zeiten das Gemeinwesen ihres Ortes als Mitglieder oder Vorsitzende in Vereinen, im Gemeinde- und im Kirchenrat mit prägten. Nicht nur durch Dächer.

(Fotos: LRA)